
In „Deutschland schafft sich ab“ prognostizierte Thilo Sarrazin 2010 mit profunder Erfahrung aus Politik und Verwaltung, welche gravierenden Folgen Geburtenarmut, falsche Zuwanderung und verfehlte Bildungspolitik für Deutschlands Zukunft haben werden. Es setzte sofort ein absurdes Mediendrama ein, die von einer hasserfüllten Debatte begleitet wurde, deren Frontlinien mitten durch Kollegen- und Freundeskreise sowie Familien verlief. Dieses Buch bewegt Deutschland bis heute, und mit einer klugen Neuauflage facht Sarrazin das Feuer der Diskussion an. Er hat sich nicht brechen lassen, geht keinem Konflikt aus dem Weg.
An Sarrazin wurde ein Exempel statuiert: Verlust des Jobs als Vorstand der Bundesbank, gesellschaftliche Ächtung, Ausschluss aus der SPD, Notwendigkeit eines ständigen Personenschutzes, Restaurants verweigern den Zutritt. Mit Sarrazin begann die Hexenjagd auf Kritiker der Regierung, Cancel-Culture und Schmähung von Andersdenkenden durch die Mainstream-Medien.
Gleichzeitig ist Sarrazins Buch das auflagenstärkste der Nachkriegszeit, übertrifft darin sogar seine weiteren. Nahezu alle um dieses Thema kreisenden Veröffentlichungen wurden grandiose Bestseller.
Die in diesem Jahr – 10 Jahre nach Beginn der Asylkrise – erschienene Neuausgabe, gibt den Originaltext unverändert wieder, der aufzeigt, welche Handlungsoptionen es gegeben hätte, wenn sich die Politik der Lösung des Problems angenommen hätte, statt es zu leugnen oder, wie Angela Merkel, zu erklären, sie habe Thilo Sarrazins Buch „nicht gelesen und werde es auch nicht lesen“. Das kommentierte Frank Schirrmacher in der FAZ „als Anschlag auf die Meinungsfreiheit, er schrieb:
‚Denn was man jetzt erlebt, ist die Aufkündigung von Debatte. Wenn Verfassungsorgane sich über ein Buch äußern und dessen Autor sanktionieren, dann ist von ihnen zu erwarten, dass sie wissen, worüber sie reden … Denn wo das nicht geschieht, wird die freie Meinungsäußerung ersetzt durch die Herrschaft des Gerüchts.‘“ (Seite 564)
15 Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe zieht Thilo Sarrazin Bilanz: in den Originaltext hinein hat er – für den Leser leicht erkenntlich farblich abgesetzt – Kommentare und Ergänzungen eingefügt, die zeigen: seine Prognosen sind eingetreten, vieles ist sogar dramatisch schlimmer geworden.
Thilo Sarrazin selbst ist pessimistisch. Die Situation heute ist schlimmer, als er sich vorstellen wollte, als er sein erstes Buch schrieb, sagt er im Interview mit Tichys Einblick. Egal ob Migration, Demografie, Wirtschaft oder Gesellschaft – die Probleme sind bekannt, doch die Politik handelt nicht.
Deutschland werde nicht von der Landkarte verschwinden, aber es wird ein anderes Land sein: Ein Land, das von Migranten und deren Nachkommen aus Afrika und Arabien besiedelt wurde und dessen kulturelle Schätze nur als Relikte vergangener Zeiten überleben, wenn überhaupt. Das niedrige Bildungsniveau werde ein weiteres tun, Wohlstand für alle in Armut für die meisten zu verwandeln. Sieht er das zu pessimistisch? Er ist schwer zu wiederlegen, er reizt zur Diskussion und auch zum Widerspruch – die Hauptbestandteile, aus denen ein gutes Buch besteht. Das Wort Vision würde er für sich zurückweisen. Der nüchterne Ökonom zieht lieber Statistiken zur Argumentation heran statt Hoffnung und Glaube. Er seziert eiskalt, was die Politik im Inneren weiß und doch verleugnet.
So ist es ein Lesebuch über das Versagen der politischen und medialen Elite Deutschlands geworden und ihrer kollektiven Weigerung, auch in diesem Themenfeld die Realität auch nur ansatzweise zur Kenntnis zu nehmen. Keiner kann sagen: „Ich habe es nicht gewußt“. Sie wissen es, und betreiben trotzdem ihre grundfalsche Politik weiter – und beschleunigen sie sogar.
Trotz der ständigen Angriffe: Sarrazin schweigt nicht. Er geht zum Gegenangriff über. Schon das nötigt Respekt und Bewunderung ab. Ihn haben die lautstarken Niederbrüller und Ausgrenzen die Macht verloren.
Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab. Die Bilanz nach 15 Jahren. LMV, Klappenbroschur, 656 Seiten, 28,00 €.