
Die Disziplin des Putinverstehens ist in der Tat, wenn man es wörtlich nimmt, eine hochinteressante Fragestellung – insbesondere nach diesem so spektakulären und spektakulär ergebnisarmen Gipfel in Alaska. Die entscheidende Frage bei den Friedensverhandlungen: Was will Putin eigentlich, was treibt ihn? Was muss man ihm geben, damit er zum Frieden bereit ist? Wie kann man seine Interessenlage so verändern, dass er sich für den Frieden entscheidet?
Das große Problem scheint dabei: Mit Blick in die Geschichte sind die Motive der meisten Kriege kaum bis gar nicht rational. Es gibt hierzulande eine merkwürdige heimliche Bewunderung für autoritäre Regime – viele glaubten ja auch im Westen an den Sieg der DDR durch den Mega-Mikrochip. So war es auch im Corona-Lager, das kurzzeitig meinte, China sollte Vorbild sein beim Umgang mit der Pandemie – was für ein astronomischer, historischer und lächerlicher Irrtum. Irgendwie hält sich das Gerücht hartnäckig, solche autoritären Regime wären vielleicht etwas rabiat und brutal, aber dafür umso rationaler, intelligenter und effektiver, hätten die Interessen ihres Volkes im Blick oder wären zumindest berechenbar. Warum aber sollte das so sein?
In der Geschichte gibt es wesentlich mehr Gegenbeispiele, so ziemlich jedes autoritäre Regime neigte zur hemmungslosen Irrationalität – man denke nur an die Spätphase der DDR, die für Honecker schön gestrichenen Fassaden auf seinen Fahrtstrecken und so weiter. Stalin ließ kurz vor Kriegsausbruch seine gesamte erfahrene Generalität aus reiner Paranoia ermorden und verlor dadurch fast den Krieg, Mao setzte bei der Industrialisierung auf die wissenschaftlich grotesk abwegigen Lyssenko-Formeln zur Landwirtschaft und produzierte so eine gigantische Hungersnot.
Pol Pot ließ in seiner Vision eines Agrar-Utopia Menschen mit Brillen erschießen, in Nordkorea dürfen sich Männer nur zwischen 15 vorgeschriebenen Frisuren entscheiden, in Äquatorialguinea verbannte man Lehrer und Intellektuelle, in Albanien baute man an die 200.000 völlig nutzlose Bunker im ganzen Land, Fidel Castro war fest entschlossen, eine magische Superkuh zu züchten, in Gambia wollte der Präsident AIDS mit einem selbst gebrauten Zaubertrank heilen, in Myanmar verlegte der Diktator Shwe die Hauptstadt in ein Niemandsland, weil es ihm Astrologen geraten hatten, und Hitlers Angriff auf die Sowjetunion kann wohl kaum aus irgendeiner Rationalität erklärt werden.
Die meisten Fehlschlüsse über die Geschichte entstehen aus dem Suchen nach (und dann dem Konstruieren von) rationalen Motiven, wo beim besten Willen keine sind. Dass autoritäre Regime nicht nur brutal, sondern wahnsinnig sind, ist eigentlich naheliegend – da, wo keine Kritik und Gegenstimme mehr möglich ist, da, wo irgendwann nur noch brutale Verrückte zusammenkommen, da, wo es keine freie Presse mehr gibt, wie sollten da kluge Entscheidungen entstehen? Demokratie, Rechtsstaat & Co. braucht es nicht, damit ein bisschen Heititei-Volksbeteiligung stattfindet oder weil es eine auch nur im Ansatz perfekte Staatsform wäre, sondern weil allein sie uns vor den aller wahnwitzigsten und verrücktesten Auswüchsen bewahren können, zu der Diktaturen sofort neigen. Die Urteilsfindung solcher Regime findet je nach Fall, aber immer aus einer Mischung aus Korruption, Ideologie, Fanatismus, Paranoia, Selbsttäuschung und Illusionen heraus statt.
Was also will Putin?Welchen Zweck verfolgt es, wenn Sergei Lawrow, der russische Außenminister, in Alaska im T-Shirt mit UdSSR-Aufdruck erscheint? Also im Outfit jenes kommunistischen Terror-Regimes, das halb Europa über Jahrzehnte geknechtet, gefoltert und in bitterster Armut gehalten hat, das Millionen unschuldiger Menschen insbesondere in der Ukraine sinnlos ermordet hat. Man stelle sich vor, ein deutscher Bundeskanzler würde mit Hakenkreuz-Binde zu Friedensverhandlungen aufschlagen – als „Provokation“.
Das Regime in Moskau ist in jeder Art und Weise skurril und kaum irgendwo wirklich erfolgreich. Erst wenige Tage ist die Nachricht alt, dass Russland beim BIP pro Kopf jetzt hinter Kasachstan zurückgefallen ist, Bulgarien ist auch schon vorbeigezogen, und vom zur Wendezeit noch bettelarmen Polen ist man mittlerweile überrundet worden – und das trotz der enormen russischen Bodenschätze. Aktuell ringt man noch mit der Türkei, mit Malaysia und China. Auch militärisch hat man im Ernst in der Ukraine doch kaum imponieren können.
Derweil baut Putins Regime auf islamistische Tschetschenen genauso wie auf nordkoreanische Söldner, denen nachgesagt wird, sie seien durch Pornosucht kampfunfähig geworden. Immer wieder fällt der Apparat krasseste Fehlentscheidungen und entsprechend hoch ist der Personaldurchlauf. Die Milizen der Gruppe Wagner stürzten fast die Regierung, derweil gibt es tatsächlich an einer Stelle so etwas wie freie Presse – nämlich russische Militärblogger auf Telegram, die die Führung latent für verweichlicht halten und für härteres militärisches Durchgreifen werben. Die größten Oppositionskräfte in diesem Regime sind die Bolschewisten und neo-imperialistische Nationalisten, die sich Liberal-Demokraten nennen.
Wer glaubt, Putin kämpfe in der Ukraine im Ernst für die strategische Bedeutung einer Landverbindung zur Krim oder den Hafen von Odessa oder die wunderschönen ukrainischen Weizenfelder, der kann sich dem Vorwurf einer gewissen Naivität nicht ganz entziehen.
In Alaska sehen wir das Scheitern einer ersten Verhandlungsrunde. Dabei hat Trump nun wirklich alles gegeben, er hat Putin beklatscht, ihm den roten Teppich ausgerollt, viel gelacht, ihm lange und oft die Hände geschüttelt und er hat viel geboten. Immerhin beweist er der Welt, was die Wahrheit ist: Allein an Putin scheitert ein Frieden.
Wofür Putin jetzt noch kämpft, das ist aus unserer Sicht kaum zu verstehen – es ist vermutlich eine Mischung aus historischer Mission und Größenwahn, Disziplinierung und Mobilisierung der eigenen Bevölkerung, der Zwangslage einer ausgerichteten Wirtschaft und Gesellschaft, der Sorge vor dem Fazit der Geschichtsbücher, der symbolische Erhalt von Russland als Supermacht. Genau hier liegt das Problem dieser Friedensverhandlungen und genau hier liegt die Ursache, warum es einfach keinen Millimeter weitergeht, obwohl Trump Putin sehr weit entgegengekommen ist und selbst Selenskyj auf seine Linie gezwungen hat. Es dürfte noch sehr kompliziert werden.