
Das Redaktionsbüro von Apollo News liegt mitten im Todesstreifen. Jeden Tag überqueren unsere Redakteure auf dem Weg zur Arbeit mindestens einmal die doppelte Linie aus Pflastersteinen, die sich durch ganz Berlin zieht und die Grenzlinie markiert, an der bis vor 35 Jahren noch scharf geschossen wurde. Vielleicht hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem ich diese Zeilen jetzt schreibe, gruben Berliner einen Tunnel von West nach Ost, um ihre Nachbarn und Verwandten aus der Unfreiheit des DDR-Regimes zu retten.
Unsere Redaktion besteht zu ungefähr gleichen Teilen aus West- und Ostdeutschen: Wenn wir uns zusammen zum Mittagessen hinsetzen, hängt in der Küche ein Bild des Mauerfalls. Das ist nicht nur ein bisschen Berlin-Folklore und dient auch nicht nur dazu, uns zu versöhnen, wenn der Bremer Kollege den Sachsen für den dortigen „Zonen-Dialekt“ aufzieht (und der Sachse dann mit dem Verweis auf das katastrophale Bremer Bildungsniveau antwortet). Sondern es erinnert uns daran, was für ein Glück es ist, als junge Menschen gemeinsam hier zu sitzen und in einem vereinten, freien und demokratischen Deutschland leben zu können.
Ich kenne die Mauer, die Teilung Deutschlands nur aus Geschichtsbüchern und aus Erzählungen meiner Familie – Berichte meiner Großmutter, die sich durch die grüne Grenze schlug, um aus der russischen Besatzungszone zu entkommen. Fotos und Erzählungen von meiner Mutter, die einmal beide Teile Berlins besuchte und als Ausländerin den historischen Checkpoint Charlie überquerte. Wie unerwartet sich das alles schließlich drehte und wie sie dann nach dem Mauerfall nach Berlin fuhr und dort das stetige Klopfen und Picken der „Mauerspechte“ erlebte, die mit Meißeln und Spitzhacken die Mauer selbst demontierten. Für mich ist das alles irgendwie kaum vorstellbar. Und doch erscheint dieser Lauf der Geschichte so logisch, so selbstverständlich.
Das ist er nie gewesen. Die Einheit ist eine Verkettung von glücklichen Ereignissen, vom Mut der Ostdeutschen mit einem Hauch geschichtlicher Fortune. Und dem Mut eines Mannes: Helmut Kohls. Er war es, der als Bundesdeutscher Kanzler die entscheidenden Schritte zur Einheit tat – dabei war er 1989, kurz vor dem Mauerfall, von vielen schon abgeschrieben worden. Der vielleicht größte deutsche Bundeskanzler galt damals als Übergangs-, gar Untergangsfigur und sollte abgesägt werden.
Bremen, September 1989. Helmut Kohl ist am Ende – das glauben damals viele, die Presse schreibt ihn ohnehin erbarmungslos ab. Der Bundeskanzler regiert glücklos in seiner zweiten Amtszeit, die Umfragewerte für die Union sind im Keller, und auf dem Parteitag der CDU rüsten Rebellen um Generalsekretär Heiner Geißler und Ministerpräsident Lothar Späth zum Putsch. Eigentlich schickt sich die Partei an diesem Tag an, Helmut Kohl in den Ruhestand zu schicken.
In normalen Zeiten wäre Helmut Kohls Kanzlerschaft dann vorbei gewesen. Der CDU-Vorsitzende wäre abgesetzt worden, die Union mit einem anderen Kandidaten in die Bundestagswahl gezogen. Wahrscheinlich – darauf deutete damals vieles hin – hätte die SPD unter ihrem Spitzenkandidaten Oskar Lafontaine einen Wahlerfolg verbuchen können. Die Umfragewerte der Union waren schlecht, beide Schwesterparteien und die Bundesregierung instabil. Lafontaine meint bis heute, dass er damals Bundeskanzler hätte werden können – wenn eines nicht passiert wäre.
Das ist der Hauch des Historischen – der „Wind of Change“, wie eine berühmte Rock-Ballade es zur gleichen Zeit treffend benennen sollte. Er blies die Putsch-Pläne in der CDU einfach weg. Plötzlich ging in Ungarn die Grenze auf: Der Weg von Ost nach West war offen. In dieser Situation erkennt die CDU, dass sie ihren Kanzler in dieser Lage nicht absägen kann. Helmut Kohl gewinnt die Abstimmung auf dem Parteitag, die sein Ende werden sollte, deutlich. Es ist, wie Kohls Weggefährte Wolfgang Schäuble im Rückblick sagte, der Beginn der zweiten Kanzlerschaft von Helmut Kohl – der Beginn der Einheits-Kanzlerschaft.
Die Bilder der Flüchtlinge aus der DDR, die in die Freiheit stürmen, verändern die Lage. Die neue Zukunft für sie bedeutet auch eine neue für Kohl, der politischen Mut schöpft. Doch auch er wird von der Schnelligkeit der Ereignisse überrascht. In ganz Osteuropa geht es jetzt vorwärts: Auf Ungarn folgt Polen, wo die Widerstands-Gewerkschaft Solidarność bald die erste nicht-kommunistische Regierung in Polen seit dem Zweiten Weltkrieg stellt. Auch in der DDR beginnen die Menschen, dem Regime Paroli zu bieten und auf die Straße zu gehen – „Wir sind das Volk“.
Am neunten November ist Kohl in Warschau, um ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Polen aufzuschlagen – eigentlich schon historisch genug. Doch die Geschichte überholt ihn und das Staatsbankett. Am Abend öffnet sich die Mauer – SED-Politbürosprecher Günther Schabowski leistet sich einen folgenschweren Versprecher darüber, dass Ausreisen nach dem Westen „sofort, unverzüglich“ möglich seien. Die Menschen strömen an die Grenzübergänge in Berlin. Sie, die „rüber machen“, sollen eigentlich alle ausgebürgert werden, und die Maßnahme soll ohnehin erst in einiger Zeit in Kraft treten. Doch auch diese Idee wird von der Geschichte überholt, die nun schnell voranschreitet.
Es war Helmut Kohl, der die Einheit möglich machte – weil er den Mut dazu hatte, die sich schreibende Geschichte am Mantel zu ergreifen. Er war ein Patriot, der eine Chance für Deutschland nutzte, die kaum jemand genutzt sehen wollte. Die Entscheidung zur Einheit traf er mit seinen engsten Vertrauten schnell und im Geheimen – die Marschrichtung war für ihn klar.
Heute erscheint uns, gerade den Nachgeborenen, die Wiedervereinigung als quasi logischer Lauf der Geschichte, als folgerichtiger Endpunkt der widernatürlichen Teilung der Deutschen in BRD und DDR. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass dies keinesfalls gegeben war. Der Axel-Springer-Verlag etwa, der jahrzehntelang an der Wiedervereinigung festhielt und „DDR“ nur in Anführungszeichen schrieb, war vielen als schrecklich revanchistisch verschrien. Mit dem kommunistischen Unrechtsstaat, der einen großen Teil Deutschlands beherrschte, hatte man sich abgefunden. Wiedervereinigung? Das galt im Westen als ewiggestrige Deutschtümelei. Kohl gehörte zu den wenigen, die das anders sahen.
Aus „Wir sind das Volk“ war da in der DDR längst „Wir sind ein Volk“ geworden. In Westdeutschland war die Stimmung völlig anders. Gerhard Schröder erklärte: „Eine auf Wiedervereinigung gerichtete Politik ist reaktionär und hochgradig gefährlich.“ SPD-Chef Hans-Jochen Vogel lästerte über das „leichtfertige und illusionäre Wiedervereinigungsgerede.“ Oskar Lafontaine sprach vom „Gespenst eines starken Vierten Deutschen Reiches“, das Europa erschrecke. Heute feiert die SPD gerne Willy Brandt und meint, seine Ostpolitik habe die Wiedervereinigung ermöglicht. Tatsächlich erklärte Egon Bahr, der Architekt dieser Ostpolitik, noch ein Jahr vor dem Mauerfall: „Lasst uns um alles in der Welt aufhören, von der Einheit zu träumen oder zu schwätzen.“ Und Westberlins SPD-Bürgermeister Walter Momper wollte von „Wiedersehen“, nicht Wiedervereinigung sprechen: Er adressierte nicht die Deutschen, sondern das „Volk der DDR“ und erklärte am Tag nach dem Mauerfall: „Gestern war nicht der Tag der Wiedervereinigung, sondern der Tag des Wiedersehens in unserer Stadt.“
Helmut Kohl nannte Mompers „Wiedersehen“ ein „schlimmes Wort“ – Momper meinte im Rückblick, er habe damit eine Mehrheitsmeinung vertreten. Und er hatte wahrscheinlich recht. Als der Bundeskanzler nach dem Mauerfall nach Westberlin kam, wurde er vor dem Westberliner Rathaus in Schöneberg ausgepfiffen. Kohl dazu: „Das war die ganze linke Schickeria, und zwar in der übelsten Weise, die Berlin aufzubieten hatte. Mein bloßes Erscheinen genügte, um zu wilden Protesten zu führen. In der Sache selbst ist dann natürlich beinahe explosionsartig der Protest losgegangen, als ich von Deutscher Einheit gesprochen habe.“
Deutsche Einheit? Ein rotes Tuch. Reaktionär, deutschtümelnd, unmöglich? Helmut Kohl sah das anders: Er hielt an der Idee der Einheit fest und setzte sie gegen Widerstände im In- und Ausland durch. Er meinte: Wenn das deutsche Volk die Einheit will, dann kommt sie auch. Bestätigt sah er sich von den Ostdeutschen, die der wahre Motor der Wiedervereinigung waren. Sie hatten in Kohl einen Partner gefunden – aber wäre es nur nach der westdeutschen Gesellschaft, dem Feuilleton oder den Sozialdemokraten und Grünen gegangen, wäre Deutschland noch heute ein geteiltes Land.
Helmut Kohl holte die Ostdeutschen dort ab, wo sie standen – auf Augenhöhe. Es war eine historische Rede, die Kohl am 19. Dezember 1989 vor den Ruinen der Frauenkirche in Dresden hielt. Er drückte Respekt vor den Ostdeutschen und ihrem Recht aus, ihre Zukunft selbst zu bestimmen: „Wir respektieren das, was sie entscheiden.“ Er erklärte aber: „Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation.“ Jubelstürme auf dem Neumarkt, wo tausende DDR-Bürger dem Kanzler zuhören. Sie wollten nicht mehr Ostdeutsche, sondern Deutsche sein.
Doch Kohl wollte nicht nur über die deutsche Einheit sprechen – er wollte sie auch umsetzen. Im Geheimen scharte er die engsten Vertrauten um sich. Nicht in Bonn, wo er Indiskretionen und Lecks fürchtete, sondern in seiner pfälzischen Heimat Oggersheim. Sie formulierten gemeinsam den 10-Punkte-Plan, der die Grundlage zur Wiedervereinigung wurde. Niemand wusste davon – nicht die Alliierten Besatzungsmächte, nicht der Bundestag, nicht mal das Kabinett und der Koalitionspartner FDP. Abgetippt wurden sie von Helmut Kohls Ehefrau Hannelore auf einer kleinen Reiseschreibmaschine. Sie schrieb damit wortwörtlich Geschichte.
Zwei wichtige Verbündete hat Kohl dafür gefunden – die USA und Michail Gorbatschow. Letzterer schickt einen ihm vertrauten Deutschland-Experten aus dem ZK nach Bonn. Dieser spricht – unautorisiert, wie er später zugibt – von Wiedervereinigung. Kohl ergreift die Chance, der 10-Punkte-Plan zur Einheit folgt prompt. Mit ihm als Regierungserklärung trumpft der Bundeskanzler im Parlament auf. Der FDP-Vorsitzende Graf Lambsdorff fragt vorher erbost, ob er diesen Plan mal sehen dürfte – Kohl sagt nein. Auch Außenminister Genscher weiß nichts.
Kohl spricht von „konföderativen Strukturen zwischen beiden Staaten“, die er aufbauen wolle – „mit dem Ziel, eine Föderation, das heißt eine bundesstaatliche Ordnung in Deutschland zu schaffen“. Kohl sagt: „Wie ein wiedervereintes Deutschland schließlich aussehen wird – das weiß heute niemand. Dass aber die Einheit kommen wird, wenn die Menschen in Deutschland sie wollen – dessen bin ich sicher.“ Applaus, auch bei der Opposition. Genscher, der kurz zuvor noch pikiert war, sagt zu Kohl: „Das war eine große Rede“. Die vielleicht größte Rede seiner Kanzlerschaft.
Das politische Bonn hat er in diesem Moment hinter sich – aber die Verbündeten im Westen werden böse mit dem Kanzler. Er hatte sie nicht informiert, erstmals Deutschland-Politik ohne die Besatzer gemacht. „François Mitterrand war beleidigt – das ist noch freundlich ausgedrückt. Meine britische Kollegin (Margaret Thatcher, Anm. d. Red.) war wild – das ist auch freundlich ausgedrückt.“ Auch die USA waren pikiert – aber Washington unterstützte Kohls Kurs trotzdem. Den Widerstand Mitterrands räumte er mit einem persönlichen Treffen aus dem Weg und machte ihm ein Zugeständnis – das Ende der starken D-Mark. Der Euro wurde zum Preis der deutschen Einheit. Die notorisch-antideutsche Margaret Thatcher wird von den Ereignissen schlicht überholt. Sie habe noch „Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt“, sagt Kohl, um die Einheit zu verhindern und zu bremsen. Doch auch die „Eiserne Lady“ musste sich am Ende nur fügen. Das Tempo geben die Deutschen vor – insbesondere die Ostdeutschen.
„Für die Welt war plötzlich klar: Die Deutschen wollen das. Wir sind das Volk – wir sind ein Volk. Diese Entwicklung ist um die Welt gegangen“, erklärte Kohl später. Dieser erkennbare Wille des Volkes hilft, die Einheit gegen ihre Gegner im Ausland durchzusetzen. In Bonn erklärt Kohl Gorbatschow mit Blick auf den Rhein: „Dieses Wasser fließt ins Meer. Und sie können machen, was sie wollen – das Wasser kommt ins Meer! Sie können den Rhein stauen, dann zerschlägt er das Ufer, überschwemmt alles, aber das Wasser geht ins Meer. Und die Lektion der Geschichte sagt: Wenn ein Volk seine Einheit will, wird es seine Einheit erhalten.“
Gorbatschow sagt weder nein noch ja: Im Februar 1990 fliegt Kohl nach Moskau, um sich das Ja zu holen. Sein unabgesprochener 10-Punkte-Plan hat auch die Sowjets irritiert. Aber die Wirtschaftskrise der UdSSR kommt Kohl gelegen, und die starke D-Mark überzeugt Gorbatschow am Ende mindestens genauso wie das Argument vom Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Die Wiedervereinigung „ist Sache der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik“, erklärt der Generalsekretär schließlich. Damit ist der Weg zur Einheit der Deutschen frei. High vor Glück sitzen Kohl und Genscher in der folgenden Pressekonferenz. Der eine sagt zum anderen: „Eigentlich müssten wir uns jetzt besaufen.“ Im Flugzeug hebt Kohl dann endlich das Glas – „auf Deutschland“. Aber erst muss die Einheit noch gemacht werden.
Die kommt im Rekordtempo – vom Ja Gorbatschows bis zur Unterzeichnung des Einheitsvertrages vergehen nur wenige Monate. Dass man die Einheit so schnell umsetzen könnte, hätte niemand geglaubt. Und auch, wenn die eigentlich schon absurd schnelle Vereinigung zweier gänzlich unterschiedlicher Staaten auch viele Schäden verursacht hat – dass man sie umsetzte, ist das historische Verdienst Helmut Kohls. Das Zeitfenster war eng – kurz nach der Einheit setzten Putschisten Gorbatschow ab, mit ihm wäre auch die Gelegenheit zur Einheit weggewesen.
Wer heute, am neunten November, an den Mauerfall denkt, soll auch bedenken, was danach kam und wem wir die Einheit zu verdanken haben. Kohl ergriff den Mantel der Geschichte – dass in diesem Moment ein deutscher Patriot die Geschicke bestimmen konnte, war ein historischer Glücksfall. Viele meinen heute hämisch, Kohl wäre nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Aber die Wiedervereinigung ist ihm nicht einfach so zugefallen – wäre gerade er nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, hätte alles anders kommen können. Grüne und SPD protestierten gegen die Deutsche Einheit: wäre es nach ihnen gegangen, die Deutschen wären heute noch in zwei Staaten geteilt.